Zusammenbruch der Fischerei und internationaler Lieferketten sowie Preisverfall entziehen Millionen von Menschen die Lebensgrundlage – Ernährungssicherheit in Entwicklungsländern gefährdet – Statt Erholung von Fischbeständen wird Anstieg illegaler Fischerei befürchtet – Nachhaltiger Fischkonsum wichtiger denn je

Wien, 07.05.2020 – Für in der Fischerei tätige Männer und Frauen hat der globale Corona-Shutdown existenzbedrohende Auswirkungen. Laut Umweltschutzorganisation WWF Österreich sind weltweit mehr als 800 Millionen Menschen direkt oder indirekt von Fischfang abhängig. Einem Großteil davon entziehen der Zusammenbruch der Fischerei und internationaler Lieferketten, geschlossene Fischmärkte und ein massiver Preisverfall bei Frischfisch die hauptsächliche Einkommens- und Nahrungsquelle. „Fisch sichert weltweit jedem zehnten Menschen die Lebensgrundlage. Von den Mittelmeerstaaten über Indien bis zu den Philippinen kämpfen derzeit vor allem kleine Betriebe und ihre Familien ums Überleben“, berichtet Georg Scattolin, Leiter des Internationalen Programms des WWF Österreich. Die weitgehende Stilllegung der Fischereiwirtschaft trifft ausgerechnet jene am Härtesten, die sich bereits vor Krisenzeiten nur dürftig über Wasser halten konnten – ob in der Fischerei, der Fischverarbeitung oder im Verkauf Tätige. Existenzgefährdend sind aber nicht nur fehlende Einkommen bei gleichzeitig geringen oder gar keinen staatlichen Hilfen: „Der Shutdown hat fatale Folgen für die Ernährungssicherheit in Entwicklungsländern. Denn für Millionen von Menschen ist Fisch die wichtigste und nicht ersetzbare Proteinquelle“, warnt Scattolin.

WWF-Büros in diversen Staaten des globalen Südens berichten von untragbaren Zuständen. Auf den Philippinen ist Fischerei nur sehr eingeschränkt möglich. Kühlhäuser sind geschlossen und der internationale Handel ist zum Erliegen gekommen. Das wichtige Exportgut Thunfisch kann nur mehr lokal abgesetzt werden und unterliegt einem enormen Preisverfall. Statt umgerechnet fünf Euro pro Kilo erhalten Fischer*innen jetzt lediglich 30 Cent. „Ohne privat finanzierte Reis-Hilfspakete müssten derzeit Tausende von Fisch abhängige Familien Hunger leiden“, erzählt Joann Binondo, Projektleiterin des WWF Philippinen. In Südafrika sind viele kleine, auf den Fang von Hummer für den Export spezialisierte Fischereien betroffen, die ihre Ware nicht mehr absetzen können. Zum gewohnten Preis finden sie auch am lokalen Markt keine Abnehmer*innen. In Indien wiederum ist der Handel mit Fisch praktisch gänzlich zum Erliegen gekommen. Märkte, der traditionelle Verkauf über Fisch-Auktionen sowie der Export wurden geschlossen. Der Preisverfall im inländischen Direktverkauf ist ebenso massiv. Der Zusammenbruch internationaler Lieferketten lässt sich in Europa, dem weltweit größten Importmarkt für Fisch und Meeresfrüchte, beobachten. Nach Angaben des European Market Observatory for Fisheries and Aquaculture Products (EUMOFA) sank die importierte Menge im Vergleich zu den Wochen vor dem Shutdown um 43 Prozent.

Illegale Fischerei nimmt zu

Einschätzungen, wonach die darniederliegende Fischereiwirtschaft eine Erholung für überfischte Fischpopulationen bringen könnte, erweisen sich hingegen als Trugschluss: „Fischereikontrollen finden gegenwärtig unter erschwerten Bedingungen, eingeschränkt oder gar nicht statt. Deshalb befürchten wir einen Anstieg illegaler Fischereiaktivitäten, was überfischte Bestände weiter unter Druck bringen wird“, zeigt sich Georg Scattolin besorgt über die negativen Umweltfolgen. Für die Zeit nach dem Shutdown sind das denkbar ungünstige Vorzeichen, denn bereits jetzt sind 33 Prozent der globalen Fischbestände überfischt und weitere 60 Prozent bis an nachhaltige Grenzen befischt.

Fisch-Konsumempfehlung

60 Prozent des in Europa konsumierten Fischs werden importiert, davon über 50 Prozent aus Entwicklungsländern. „Der WWF empfiehlt jetzt und nach der Krise, besonders auf die Nachhaltigkeit von Fischprodukten zu achten. Die Konsumnachfrage ist ein wesentlicher Hebel, um Fisch als Lebensgrundlage für Millionen von Menschen, die momentan besonders schwer von der Krise betroffene sind, auch in Zukunft zu erhalten“, schließt Scattolin.

WWF Fischratgeber: https://fischratgeber.wwf.at

Foto: Reis-Hilfspakete bewahren philippinische Familien vor Hungersnot © Joann Binondo / WWF

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